Hallo, Anna und Jasmin,
bei einer refraktiven Ungleichsichtigkeit R/L passieren mehrere Dinge gleichzeitig. Einerseits sind die Bildgrößenverhältnisse rechts zu links oftmals verschieden. Dies bedingt grundsätzlich erschwerte Fusion. Zweitens sind die Augäpfel oft verschieden groß oder lang geformt, was auch die Mustkelkräfte, Muskelansatzorte und Wegstrecken der Augenmustkel tangieren wird. All dies belastet das Kräftegleichgeweicht im Zusammenspiel der Funktionen zusätzlich. Das darüber hinaus auch unkorrigierte Zustände die Sache weiter verkomplizieren ist gar keine Frage. Vielfach liegt in solchen Fällen der Stresslevel allerdings höher, so dass mit kleinen Hilfen schon gute Erfolge verbunden werden können. Ideale Zielvorstellungen scheiden hier bei größeren Sehungleichgewichten zwar aus, aber auch z.B. unter Einbindung der Kontaktlinse zur refraktiven Korrektion lassen sich oftmals sehr gut verträgliche Maßnahmen erreichen.
Dies Gebiet ist aber immer deutlich komplexer in der Beurteilung und deshalb nicht allein auf den Nebelungsfaktor "ohne Brille = Teilocckusion" zu reduzieren.
Hallo Paul-Gerhard,
kaum bist du wieder online, wirst du natürlich wieder mit Fragen eingedeckt 
Zitatbei einer refraktiven Ungleichsichtigkeit R/L ...sind die Augäpfel oft verschieden groß oder lang geformt, was auch die Mustkelkräfte, Muskelansatzorte und Wegstrecken der Augenmustkel tangieren wird.
Dass das Beschwerden verursachen soll, leuchtet mir nicht so ganz ein, denn dieser Unterschied bestand ja immer schon, so dass die Muskelbewegung sich doch längst daran angepasst haben müssten - ?
Angeblich kann das Gehirn sich ja auch an die unterschiedliche Verkleinerungswirkung der Brillengläser gewöhnen. Jedenfalls meinte eine AA einmal, der Brechkraftunterschied würde sich nicht störend auswirken, wenn man schon als Kind eine Brille getragen hat und das Gehirn sich somit rechtzeitig daran gewöhnen konnte.
Allerdings wollte sie nicht zur Kenntnis nehmen, dass ich als Kind nur zwei Jahre lang Brille getragen habe, danach immer KL (ca. 10-14h täglich, den Rest der Zeit Brille). Kann es also sein, dass die Gewöhnung an die Brille dadurch nicht ausreichte?
Auf der anderen Seite frage ich mich, ob die Verkleinerungswirkung wirklich noch so groß ist, wenn Prismen in den Gläsern sind, die doch eher vergrößernd wirken. Müsste man da nicht nur die Prismen leicht ungleich aufteilen, um die ungleiche Verkleinerung zu kompensieren?
ZitatAll dies belastet das Kräftegleichgeweicht im Zusammenspiel der Funktionen zusätzlich. Das darüber hinaus auch unkorrigierte Zustände die Sache weiter verkomplizieren ist gar keine Frage. Vielfach liegt in solchen Fällen der Stresslevel allerdings höher, so dass mit kleinen Hilfen schon gute Erfolge verbunden werden können. Ideale Zielvorstellungen scheiden hier bei größeren Sehungleichgewichten zwar aus, aber auch z.B. unter Einbindung der Kontaktlinse zur refraktiven Korrektion lassen sich oftmals sehr gut verträgliche Maßnahmen erreichen.
Dann bräuchte man ja zwei Prismenbrillen eine mit Sphären für die Zeiten der KL-Pausen und eine ohne, und dazu noch KL - das ist leider unbezahlbar.
Trotzdem bestätigen mich deine Aussagen in meinem Verdacht, dass eine Anisometropie (was für ein schönes Wort) sich negativ auswirkt. Immerhin riet mir auch mein Optiker, bei den nächsten Gläsern meine Hornhautverkrümmung von -0,5 auf einer Seite unbedingt mit zu korrigieren.
Warum nicht gleich so - bisher haben mir nämlich sowohl AAs als auch OptikerInnen (darunter 2 MKH-Kundige!) immer erzählt, es sei nicht nötig, den Asti zu korrigieren, weil er subjektiv kaum wahrnehmbar ist.
Anscheinend kann man seine AAs und OptikerInnen doch nicht oft genug wechseln.
Viele Grüße von
Anna
PS Kann man eigentlich sagen, was Henne und was Ei ist? War erst das Ungleichgewicht da und hat die Wfs ausgelöst oder umgekehrt?
Hallo, Anna
Du hast recht, wenn Du schreibst, das die Situation sich angepasst (adaptiert) hat. Sonst wäre ein solches System nicht nutzbar.
Jedoch müssen wir zwischen einer statischen Situation, und der dynamischen Situation im täglichen Leben unterscheiden. Und hier bleiben permanent Defizite übrig, die das Gehirn wegrechnen (kompensieren) muss. Je tiefer man sich mit der Materie befasst, desto verwunderter wird man, das Sehen, auch Binokularsehen, dennoch funktioniert, das ist schon ein Wunder! Kein Werk menschlicher Erfindung hat eine solche Adaptationsfähigkeit.
Das da dennoch Stress entsteht, ist eigentlich nur zu verständlich. Jede Brillenlinse hat an einer definierten Stelle eine bestimmte Art der Ablenkung. Diese ist von der Linsenstärke, der Entfernung zu dem Durchstoßungspunkt der optischen Achse, sowie von der Lage (oben/unten/rechts/links) zur optischen Achse abhängig.
Schaut man bei Anisometropie (Ungleichsichtigkeit) durch ein Brillenglaspaar, ist die prismatisch resultierende Komponete an jedem Ort unterschiedlich groß. Ein Kollege hat es so auf den Punkt gebracht Wenn in der zentralen Ausrichtung nicht prismatisch gemessen und korrigiert wurde, bleibt dieser Wert völlig undefiniert. Die sich darüber hinaus bei Blickbewegungen ergebenden prismatischen Differenzen, addieren bzw. subtrahieren sich völlig undefiniert zum Grunddefizit. Bei einer prismatischen Korrektion nach MKH sollte dies zumindest im zentralen Sehbereich günstiger abgestimmt sein. Gerade hier liegt ein wichtiger Vorteil der prismatischen Korrektion.
Das bei Anisometropien auch eher mit Störungen durch Winkelfehlsichtigkeit gerechnet werden muss, liegt nahe. Selbst wenn sie hier nicht statistisch häufiger auftreten sollte (was ich allerdings vermute), würde sie jedenfalls i.d.R. (s. auch oben) den Betreffenden deutlich mehr stören.
Hierin erkennst Du auch einen Vorteil der Kontaktlinsen, die bei Blickbewegungen mitwandernd, keine solchen falschen Zusatzkomponenten erzeugen. Da hier außerdem die Bildgröße nicht beeinflusst wird (Korrektion direkt am Auge), bleibt eine KL-Korrektion schon in sich stressfreier. Ideal wäre hier die WF Korrektion zusätzlich über Brille. Übrigens, ist die Bildgrößenänderung über Prismen ein binokularer und kein monokularer Effekt und deshalb eher eine Änderung der Wahrnehmung (als Täuschung) und keine echte Vergrößerung bzw. Verkleinerung.
Übrigens wird auch der zylindrische Wert an jedem Ort der Brillenlinse unterschiedlich sein. Besonders bei prismatischen Korrektionswerten. Es ist deshalb (genauso, wie bei Gleitsichtgläsern) grundfalsch, diese Werte zu ignorieren. Unter der Kenntnis dieser Bezüge kann es aber auch einmal sinnvoll sein, eine Korrektion an verschiedenen Glasbezugsorten im Abstand des Augenpaares zu vermessen und sich die Wirkungen ausgedruckt einmal näher anzuschauen. Die hierbei resultierenden Messwerte werden selbst manche Kollegen verwundern!
Hallo Paul-Gerhard,
herzlichen Dank für die ausführliche Antwort.
Sie bestätigt meine eigenen Seheindrücke insofern, als ich das beste, nämlich absolut beschwerdefreie Sehen bei der Kombination KL + Prismenbrille hatte, und das, obwohl es sich um eine Teilkorrektion (3 von ca. 6 nach MKH gemessenen) handelte. (Der Effekt hielt leider nicht lange, da die Prismenwerte anstiegen.)
Was du schreibst, klingt allerdings so, als ob es bei Anisometropie völlig unmöglich sei, beschwerdefrei durch eine Brille gucken zu können. Das scheint ja auch der Grund zu sein, warum die sonst so knauserigen Krankenkassen ab einem Dioptrienunterschied von 2dpt bisher KL bezuschusst haben.
Kann man also nicht auf Gewöhnungseffekte an die Brille hoffen?
Noch eine andere Frage wenn Anisometropie und Wfs sich wechselseitig beeinflussen, ist es dann auch denkbar, dass eine Anisometropie bei der MKH höhere Abweichungen vortäuscht, als eigentlich vorhanden sind? Das wäre doch so schön, dass es wahr sein sollte...
Viele Grüße
Anna
Hallo, Anna
die Gewöhnung an eine Anisometropie ist meistens möglich, was nicht bedeutet, daß überhaupt keine Nebenwirkung da ist, sondern, daß sich viele Leute voll und ganz daran gewöhnen.(oder das glauben),
Eine wechselseitige Beeinflussung bei der MKH sehe ich nicht, da wir die zentrale Sehschärfe messen, bei der Messung geradeaus schauen lassen, und relativ kleine Messglasdurchmesser haben.(Vorausgesetzt, die Messbrille ist richtig zentriert.) 
Gruß
Eberhard
Hinzu kommt, das Personen mit einer Anisometropie i.a.R. wesentlich toleranzbereiter sind (vielleicht auch sein müssen) und deshalb eine Korrektion oft (grau ist alle Theorie!) sehr positiv aufnehmen und tragen. Das auch mal zu hohe Werte gemessen werden können, ist leider in der Praxis sehr selten, aber natürlich nicht ganz auszuschließen.
Hallo,
Ich möchte gar nicht wissen, wieviele andere Glasparameter sich nicht optimal an die individuellen Sehbedinungen anpassen lassen.Wie mir z.B. gerade beim Lesen die Brille ein wenig die Nase herunterrutscht, müsste sich doch auch der optische Mittelpunkt verschieben, da der zentrale Durchblickspunkt bei PrismatikerInnen nicht in der Mitte, sondern schräg seitlich liegt...
Fazit beim Sehen ist es also, um Paul-Gerhard ein Bild aus dem Mund zu nehmen, wie in einer Ehe ohne Toleranzbereitschaft läuft gar nichts. 
Grüße,
Annadie in diesem Faden wieder was gelernt hat
PS Eberhard, ich denke, die Toleranzbereitschaft rührt weniger von der Anisometropie als von der Wfs her weil man als Ge:wink:elte eher mal ein Auge zudrückt. 
Ich möchte Euch an dieser Stelle einmal zu diesem äußerst informativen Gedankenaustausch gratulieren!!
Dieser Thread sollte ein MUSS zum Lesen werden, oder/bzw. immer ganz oben stehen.
Ich habe viele Schlüsse daraus für mich und Sohnemann ziehen können.
Liebe Grüße
Kerstin
Hallo, an alle Interessierten,
Die IVBV hat in Ihrem Forum auf einen schweizer Tageszeitungsartikel zum Thema "Falsche Brillen" vom 22.11.2003 sehr fein geantwortet.
Man findet diesen Artikel und parallel die Erwiderung unter "www.ivbv.org"
anschließend unter "Actuelles"
"Aus den Medien"
"2003 November"
Der Artikel und die Erwiderung gehen auch kurz auf Inhalte in diesem Thread ein. Sehr lesenswert!