Hallo Jan,
habe das Buch fertig gelesen und bin bisschen ratlos: Geht es um die multiethnische Gesellschaft in Israel? Geht es um diese wirklich miese Situation, in der ein Mensch versehentlich einen anderen Menschen getötet hat und wie man sich da am besten verhalten soll? Geht es um die Beziehung zweier Menschen, die sich ohne diesen "Zwischenfall" des versehentlich getöteten Eritreers wahrscheinlich nie begegnet wären? Und letztendlich endet das Buch ja auch so (wie "es sich gehört"): Beide gehen wieder in ihre Welten zurück. Der Arzt in seine doch eher komfortable und saubere Welt und die Frau des Getöteten in ein Auffanglager oder wie immer man das bezeichnen mag. Überhaupt ist diese Frau doch sehr rätselhaft: Sie scheint nicht oder kaum zu trauern, vielleicht weil sie bis dahin ein hartes Leben hatte oder auch weiterhin haben wird. Dennoch war da doch die Zeit, in der sie die Behandlung ihrer Landsleute in der Garage managte und dafür wohl Geld kassierte. Ein kleines bisschen "Wohlstand", mehr Geld als das, was man sonst als Illegaler bekommen kann. Sie kommt mitunter doch recht skrupellos daher, was aber an ihrer bisherigen Lebensgeschichte liegen kann. Da nimmt man sie sich das, was sie bekommen kann. Aber eigenartig auch die Rechenweise des Arztes: Er hat einen Menschen getötet, inzwischen hat auch die Eritreerin einen Menschen getötet - "also ist alles wieder im Lot" - er kann wieder in sein normales Leben zurück. Aber geht das so einfach?
Das Ende der Geschichte ist so unerwartet: Der Plot am Anfang, dann das Aufrechterhalten der Spannung, wenn auch sehr übertrieben (diese vielen Patienten, diese langen Nächte, wie schafft der Arzt es, das alles geheim zu halten etc) und dann dieser plötzlich in der Spannung abfallende Schluss: Beide sind wieder dort, wo sie ihren Platz in der Gesellschaft haben, egal, wie fragwürdig dieser Platz ist.
donquichote
Hallo Don,
ich finde doch, dass der Roman in erster Linie eine Liebesgeschichte ist. Eine Liebesgeschichte zwischen zwei total unterschiedlichen Menschen aus zwei völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Beide begegnen sich mit allen Vorurteilen, die sie in ihren Köpfen haben und beide stellen doch erstaunt fest, dass der andere doch ganz anders ist. Und der "westliche" Mann, der eigentlich ein Erfolgsmensch sein sollte, der Mächtige, ist plötzlich ganz klein und hilflos und einigermaßen verpeilt, und die völlig rechtlose und mehrfach ausgebeutete afrikanische Frau hat plötzlich Macht. Es ist wie ein Experiment, Welt verkehrt und auf den Kopf gestellt. Aber natürlich muss am Ende die Ordnung wieder hergestellt werden und ich glaube, dass der Roman sehr an Glaubwürdigkeit verloren hätte, wenn Etan sich von seiner Frau getrennt hätte und mit Sikrit zusammengezogen wäre. Der Roman zeigt doch, dass die Mächtigen ganz schnell ganz machtlos sein können und dass auch der Geknechtete etwas erreichen kann, wenn er oder sie sich kümmert und ein bißchen Glück hat.
Sikrit war doch eine völlig unterdrückte Frau eines brutalen Machos, der sie geprügelt hat. Durch seinen Tod sieht sie plötzlich eine Möglichkeit, selbständig etwas zu erreichen und sie greift zu. Ich denke, das ist das Löwen wecken des Titels. In ihr schlummert ein Löwe, der geweckt wurde durch die besonderen Umstände. Der Schluss zeigt, dass sie schon wieder einen Plan hat und wahrscheinlich schafft sie es auch, nicht abgeschoben zu werden. Und sie hat Etan nicht verraten.
Auch wenn am Ende die Zustände wieder hergestellt werden, ist doch jeder ein anderer geworden. Bei Sikrit ist es ganz klar, aber auch Etan kann sein Glück jetzt viel besser erkennen. Auch er hat sich verändert. Ich finde die Schilderung der Entwicklung dieser Liebe ziemlich stark und die Liebesszene, bei der man nicht weiß, ob es eine ist (witzig, denn auch in dem letzten Roman, den wir gelesen haben, gibt es eine Sexszene, bei der man nicht weiß, ob sie real ist), ist enorm stark beschrieben. Diese Stellen im Roman fand ich sehr gelungen.
Klar, da ist einiges übertrieben, aber ich denke, es ist auch ein Stilmittel. Genervt hat mich am Ende das Geballere und die Action, das war ein bißchen zu sehr billiger Hollywood-Krimi. Wahrscheinlich hofft die Autorin, dass es mal verfilmt wird.
Die andere Thematik, die bedient wird, ist die Komplexität der israelischen Gesellschaft mit ihrer herrschenden Schicht und den Arabern, Beduinen und eben auch den afrikanischen Flüchtlingen. Da gärt es und es ist nicht einfach. Die Konflikte werden vorsichtig geschildert, vieles nur angedeutet, vieles ist klischeehaft, aber das Klischee enthält eben oft auch viel Wahrheit.
Mir hat die Lektüre viel Vergnügen bereitet, ich fand den Roman auch komisch, trotz all der Tragik und kaum langatmig oder langweilig. Ich fand ihn gelungen, auch wenn einiges übertrieben war oder einige Stellen auch etwas unklar waren. Ich fand auch die Figurenzeichnung gelungen, vor allem die Frau von Etan hat mir gefallen. Hehe, was für eine Polizistin, die den gesuchten Mörder im Bett hat und es nicht kapiert. Auch am Ende einfach nicht kapieren will. Da ist schon auch viel Ironie dabei und Bissigkeit gegenüber gesellschaftlichen Strukturen.
LG
Jan 
Hallo,
Titos Brille von Adriana Altaras: Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Familie.
Der Tod ihrer Eltern (ehemals Partisanen in Jugoslawien, später nach Deutschland emigriert, wo sie eine jüdische Gemeinde gründeten) und das Ausräumen der elterlichen Wohnung lässt die Autorin immer wieder in die Geschichte ihrer Familie zurückblicken. Zugleich erzählt sie aber auch Aktuelles, z.B. über die Bar Mizwa ihres älteren Sohnes.
Ich weiss nicht so recht, was ich mit diesem Buch anfangen soll, eigentlich wollte ich es nicht mal zu Ende lesen. Denn einerseits ist es schon interessant, was manche Familien in den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts durchgemacht und erlebt hatten, andererseits hat man i.a.R. auch eine eigene Familiengeschichte und will nicht noch wissen, welche Tante der Autorin die Angewohnheit hat, Telefongespräche mitunter einfach durch Auflegen abrupt zu beenden. Auch finde ich, dass sie, zumindest anfänglich, die Juden doch stark klischeehaft darstellt (neurotisch, in überheizten Räumen hausend (o.ä., habe das Buch nicht zur Hand), was sich sicher auch bei Zugehörigen anderer Religionen findet), was sich allerdings im Laufe des Buches ändert. Sie scheint sich durch ihre Söhne doch mehr und mehr mit der Religion ihrer Familie auseinanderzusetzen und anzufreunden, eine Entwicklung, die fast das einzig Interessante in diesem Buch ist.
Ich will und kann das, was die Familie der Autorin, vor allem ihre Eltern erlebt und geleistet haben keineswegs in Abrede stellen, doch man hätte dieses Buch spannender oder vielleicht aber auch mit mehr Humor schreiben können. So bleibt das einfach nur eine fade, öde Geschichte.
Alles in allem für mich kein lesenswertes Buch - Familiengeschichten dieser Art, noch dazu meiner Meinung nach flach und langweilig geschrieben, gibt es mehr als nur einmal.
donquichote
Natürlich muss ein Buch mit dem Titel "Titos Brille" in einem Optikerforum besprochen werden 
Mir ging es bei dem Buch ähnlich wie Don, ich mochte es einfach nicht. Dabei war mir lange nicht richtig klar, warum, aber ich habe es mit ziemlichem Widerwillen zu Ende gelesen. Ich finde das Buch wirklich nicht gut und wundere mich über die große Anzahl von guten, zum Teil fast euphorischen Besprechungen, die das Buch begleiten. Ich kann das nicht nachvollziehen, habe aber den Eindruck, dass sich in Deutschland bei dieser Thematik keiner traut, offen zu sagen, dass ihm das Buch nicht gefällt. Ich versuche jetzt einmal, in ein paar Punkten darzulegen, warum ich das Buch für nicht gelungen halte.
1. Kein klares Thema. Soll es nun um die Vergangenheit und die Erfahrungen der Eltern gehen oder um die Befindlichkeiten der zweiten Generation von jüdischen Einwanderern in Deutschland? Ich schätze eher um zweiteres, aber das ist nicht so ganz klar. Dieser Mangel an Linie und eindeutiger thematischer Festlegung führt zu einer gewissen Verwirrung des Lesers, außerdem dazu, dass beides oberflächlich und nicht adäquat behandelt wird.
2. Achronologisches Erzählen. Die Erzählerin springt bei ihrer Erzählung zeitlich quer durch den Gemüsegarten. Mal trifft sie sich mit ihrem Freund R. in der aktuellen Zeit, dann steht sie am Krankenbett der Mutter, dann erinnert sie den Vater und seine Erfahrungen während der Partisanenzeit. Nun ist es, wenn man anspruchsvolle Literatur schreiben will, mittlerweile ja nahezu verpönt, chronologisch zu berichten, aber was will die Autorin denn noch alles? Sie nimmt sich einfach zu viel vor, packt zu viel in ihr Werk. Ich würde meinen, es geht ihr um das Thema, also hätte sie besser chronologisch erzählt, da wesentlich leserfreundlicher. Ich bin mir sicher, das Buch hätte dadurch gewonnen. Durch diese ewigen Sprünge werden die wichtigen Themen verwässert. Sie kann es auch nicht wirklich, achronologisches Erzählen ist eine Kunst, dann wirkt diese auch beim Leser, Frau Altaras beherrscht diese Kunst eindeutig nicht.
3. Ironiemodus. Das Thema ist ernst, ernster geht es kaum. Es ist auch wichtig. Und es ist kompliziert. Nun wird das Thema um Holocaust und Lager ja zumeist ernst beschrieben, oft ja auch mit kaum erträglichem Pathos. Das kennen wir. Das ist irgendwo ja auch angemessen. Nun wollte die Autorin auch hier ganz schrecklich modern und locker-flockig daherkommen und hat die Ironie als dominanten Diskurs gewählt. Dass das nicht unbedingt funktioniert, zeigt das Buch. Vielleicht könnte es funktionieren, wenn die Ironie gekonnter bedient würde. Es gibt Beispiele dafür, sowohl im Print- wie im Filmbereich. Herrliche Filme, bei denen der Holocaust plötzlich fröhlich daherkommt und es einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Bei diesem Buch ist die Ironie fehl am Platz.
4. Bloßes Nacherzählen von Familiengeschichten. Viele Leute möchten Bücher schreiben und wissen nicht, wie sie das anstellen sollen. Also setzt man sich hin, und wenn man eine nicht ganz alltägliche Familie hat, beschreibt man einfach diese Familie, deren Geschichte, vermischt das mit der eigenen Befindlichkeit und fertig ist der Bestseller. Man gewinnt insgesamt den Eindruck, dieses Verfahren ist momentan en vogue und wird zum Teil schon fast manisch praktiziert. Ich sage nur Knausgard. Dass man damit nicht nur die eigene Frau in den Wahnsinn treibt, sondern auch die Leser vergrault, scheint bei vielen noch nicht angekommen. Literatur gilt nach wie vor als Kunst und sollte bearbeitet werden. Anders gesagt: Es genügt nicht, eine außergewöhnliche Familie zu haben, um ein gutes Buch schreiben zu können. Ich finde es auch unseriös: Hat es die Mutter wirklich verdient, so beschrieben zu werden? Der Vater kommt besser weg, was uns einiges über Frau Altaras, die Autorin, verrät, was sie uns aber leider nicht sympathischer macht.
Fazit: Die Autorin wollte mehr als sie kann. Und sie klebte zu sehr an der tatsächlichen Geschichte ihrer Familie, die in der Form nur schwerlich wirklich einen interessiert. Völlig überflüssiger Ballast diese elend langen Belanglosigkeiten, wie auch Don schon anmerkt, ob die Tante nun plötzlich auflegt oder nicht. Es ist der Autorin nicht gelungen, die wirklich interessanten Aspekte ihrer Familie herauszuarbeiten. Die Persönlichkeiten alle merkwürdig flach, die Ereignisse eine Abfolge von Belanglosigkeiten, wo das wirklich Interessante kaum zu entdecken ist. Etwas Bearbeitung und Struktur hätten dem Buch nicht geschadet. Letztendlich spiegelt die Geschichte sehr gut die Patchwork-Karriere der Autorin wider, die wohl schon alles gemacht hat (Regisseurin, Schauspielerin, Autorin), aber es in nichts zur Meisterschaft gebracht hat. So erscheint einem auch dieser diffuse Erzählbrei in diesem Roman.
Dabei geht es um wirklich wichtige Themen: Erfahrungen der Eltern in Lagern, Judenverfolgung, die große Schwierigkeit der sozialistischen Staaten im Umgang mit Juden nach dem Holocaust, die Probleme der zweiten und dritten Generation. Jedes für sich ist das ein wichtiges und ernstes Thema, zu dem es viel zu sagen gibt. Jedes Thema für sich ist hochkomplex. All diese Themen in so einem Buch dermaßen zu verwursten, ist nicht angebracht und auch der Thematik nicht angemessen.
Das neue Buch der Autorin heißt "Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus" (schon der Titel an sich ist schauderhaft). Hier geht es wohl um einen ihrer Söhne und seinen Ausbruch nach Israel. Da ihr erstes Buch ja ein Erfolg war (viel gekauft, in Rezensionen gut besprochen, siehe oben, wahrscheinlich kaum wirklich gelesen), ist davon auszugehen, dass sie auch diese Thematik wieder auf die gleiche Weise bedient. Ich verzichte gern auf eine Lektüre. Und wetten: es wird sich wieder keiner der bekannten deutschen Rezensenten trauen, dieses Buch schlecht (und ehrlich) zu besprechen.
LG
Jan 
Noch ein Nachtrag zu dem Roman von Altaras, Titos Brille:
Es fällt tatsächlich auf, dass sich unter den Neuerscheinungen an Büchern vermehrt Familiengeschichten finden. Und da wird bis ins letzte Detail alles geschildert, was in der Familie so passiert ist. Knausgard führt das ja bis zum Exzess und Erbrechen vor. Nun frage ich mich wirklich, wo hier die Grenze liegt. Was ist noch zu tolerieren, was nicht mehr? Rein juristisch dürfte das klar sein, jeder kann wohl schreiben, was er will, vor allem, wenn die Personen tot sind, können sie sich ja nicht mehr wehren. Aber ich frage mich dennoch, ob sich Frau Altaras nicht doch schämt, ihre Mutter so darzustellen. Ich liebe meine Eltern, ich liebe meine Familie, und Menschen, die man liebt, sollte man doch eigentlich nicht bloßstellen. Im Gegenteil, man sollte sie vielmehr schützen. Thea Fuhrmann, Altaras Mutter, war eine anerkannte Architektin, aber vor allem eine Person, die enorme Leistungen für das Wiedererstarken der jüdischen Gemeinden in Deutschland nach dem Krieg vollbracht hat. Dafür erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Sie hat unermüdlich für die jüdische Gemeinde in Gießen gearbeitet. Dafür sollte man sie erinnern, für nichts anderes. Und ihre eigene Tochter schafft es, dass man sie elend im Bett liegen sieht, mit amputiertem Bein. Wo bleiben hier Respekt und Scham? Wen geht das etwas an? Ich möchte nicht, dass mich meine Kinder einmal in Romanen und Büchern beschreiben, wenn es mir elend zumute ist.
Was ist hier eigentlich los? Diese Art der realen Zurschaustellung des Elends von Personen, die einem nahe sind, nimmt in der Literatur derzeit enorm zu. Ich finde das erschreckend. Ein Mangel an Respekt und ein Eingriff in die Privatsphäre der Personen, die man angeblich liebt und die einem vertrauen. Ich finde das gruselig. Überspitzt formuliert: für Geld und Ruhm schändet Frau Altaras das Andenken ihrer Eltern. Ein weiterer Grund, dieses Buch abzulehnen.
LG
Jan 
Ich lese auch sehr gerne und habe mich gerade durch diesen Thread gewuselt. Wirklich intressant, habe einige Anregungen bekommen, weiß aber auch wovon ich besser die Finger lasse.
Hallo Tatüü,
willkommen! Hättest Du Lust, das nächste Buch vorzuschlagen und dann natürlich mitzulesen?
donquichote
Hallo Ihr Lieben,
ich weiß, wir haben alle keine Zeit, aber deswegen ist es doch sowieso schon egal. Wollen wir nicht wieder einmal gemeinsam ein Buch lesen? Ich hätte mehrere im Blick:
1. Daniel Kehlmann, F
2. Takis Würger, Der Club
3. Joel Dicker, Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
4. Christoph Hein, Trutz
Wenn Ihr Lust dazu habt, oder auch zu einem anderen Buch, gebt Bescheid.
LG
Jan 
Hallo Jan,
nette Idee. Mich interessiert schon lange F von Kehlmann. Ich kann allerdings nicht garantieren, ob ich das Buch in angemessener Zeit lesen kann...
LG Gika 
Hallo Gika,
dann können wir es uns doch mal vornehmen. Ich habe es schon gelesen, würde es aber dann noch einmal lesen, da ich mich nicht mehr so gut erinnere. Don, bist Du auch dabei?
LG
Jan 