Nun also auf Anregung von Synnie-do ein separater Thread, der zur Diskussion des Buches “Fixing My Gaze” von Susan Barry (Basic Books, 2009) einladen soll. Fuer diejenigen, die das Buch nicht kennen oder deren Schulenglisch etwas verkuemmert ist, habe ich hier mal Teile des Klappentextes uebersetzt:
“Als Neurowissenschaftlerin Susan Barry 50 Jahre alt war, machte sie eine unvergessliche Reise nach Manhattan. […] Barry schielte und war ‘stereoblind’ seit fruehester Kindheit. Nachdem sie ein halbes Jahrhundert lang ihre Umgebung als flach und komprimiert wahrgenommen hatte, sah sie Manhattan an diesem Tag zum ersten Mal in ihrem Leben mit Stereo-Tiefenwahrnehmung. Als Neurowissenschaftlerin verstand sie, wie aussergewoehnlich diese Transformation war, nicht nur fuer sie selbst, sondern auch im Hinblick auf unser wissenschaftliches Verstaendnis vom menschlichen Gehirn. Wissenschaftler hatten lange Zeit geglaubt, dass das Gehirn lediglich waehrend einer ‘kritischen Periode’ in frueher Kindheit formbar sei. Die Theorie sagte, dass Barrys Gehirn sich, als sie ein Baby war, so organisiert hatte, dass Doppelbilder vermieden wurden – und dass eine Neuverschaltung im Erwachsenenalter unmoeglich sei. Aber Barry fand eine Optometristin, die ihr eine wenig bekannte Form von Visualtraining verschrieb; nach intensivem Training konnte Barry schliesslich erreichen, was andere Wissenschaftler, wie auch sie selbst, vorher fuer unmoeglich gehalten hatten.”
Der etwas schwuelstige Ton wird dem sehr gut geschriebenen und wissenschaftlich kompetenten Buch nicht ganz gerecht, finde ich (der Verlag moechte natuerlich eine moeglichst breite Kaeuferschicht ansprechen!), aber er sollte zumindest einen Eindruck vermitteln, worum es hier geht.
Das Buch hat mich jedenfalls sehr beeindruckt, zumal ich selbst seit ca. 40 Jahren unter Schielen und Doppelbildern leide. Es enthaelt auch viele nuetzliche und fuer Laien verstaendliche Hintergrundinformationen, u.a. ueber die Entstehung des Schielens.
Ich schreibe hier nur als Betroffene und habe kein spezielles Fachwissen ueber Optometrie oder Augenheilkunde. Wie einige andere Schreiber in diesem Forum habe ich schon seit langem keine Hoffnung mehr gehabt, dass die Doppelbilder jemals verschwinden koennten. Nun aber wirft Susan Barrys Erfahrungsbericht, zusammen mit der steigenden Zahl anderer Forschungsberichte ueber die Plastizitaet des Gehirns im Erwachsenenalter, die Frage auf, ob sich Visualtraining vielleicht doch noch lohnen koennte…
Es waere schoen, wenn andere Forumsmitglieder, die fachliche Ahnung oder selbst schon Erfahrung mit Visualtraining haben – ob sie nun das Buch kennen oder nicht – hier ihre Meinungen bzw. Erfahrungen beitragen koennten!
LG Doris
PS: Das Fehlen von Umlauten bitte ich zu entschuldigen – es ist keine Spaetfolge des Strabismus sondern liegt daran, dass ich eine englische Tastatur habe.
Hallo Doris,
habe das Buch seit ein paar Wochen - leider noch nicht gelesen. Bin aber schon mal neugierig wie ich das Buch als Fachmann empfinde.
Im Bereich Binokularsehen gilt - sag niemals nie! Sprich jedes System ist anders, dementsprechend bleibt eine definitive Prognose meist schwierig.
Bei bestehnder Diplopie ist das Risiko am geringsten - denn da hier haben wir ja schon unseren "worst case"!
Falls ein Auge weggedrückt wird (z.B. Schielen ohne Diplopie) - und dieses dazu geholt werden soll, muss man schon sicher sein das die Fusion auch funktioniert.
freue mich auf weitere Kommentare
Georg Scheuerer
Ich versuche mal eine kleine Zusammenfassung. (Mein Englisch ist nicht sonderlich gut und ich habe ziemlich schnell gelesen, also man sollte mich auf Einzelheiten nicht festnageln...)
Frau Barry schielte als Kind und wurde mehrmals operiert, so daß die Augen gerade standen. In der Schule hatte sie manche Schwierigkeiten, die andere nicht hatten, und auch als junge Erwachsene hatte sie gewisse Mühe mit dem Sehen, aber sie biß sich durch und meisterte ihr Leben und ihren Alltag. Man hatte ihr gesagt, daß man alles mögliche getan hat und daß es besser eben nicht geht und sie glaubte das.
Als sie aber doch wegen Blickunruhe und Problemen beim Fixieren (in so mittlerem Alter) Hilfe suchte, glaubten ihr die Augenärzte nicht. Schließlich landete sie bei einer Fachfrau, die ihr eine Prismenbrille verordnete. Das brachte schon große Erleichterung und stabilisierte ihren Blick. Erst dann erlernte sie - ganz behutsam und in großen zeitlichen Abständen - diese Sehübungen, die das Tiefensehen ermöglichten.
Ich sehe viele Parallelen zu dem, was ich in diesem Forum lese. Daß man die richtige Maßnahme im richtigen Moment braucht, und daß es ein sehr sensibles Zusammenspiel ist von Augen, Gehirn und Brille. Und daß jeder Fall anders ist.
Ich vermute, daß viele von den Schielern hier im Forum sich in Frau Barrys Beschreibungen der Wahrnehmung ihres Alltags wiederfinden können. ZB. daß sie 3D-Filme langweilig fand und Autofahren extrem anstrengend und so weiter.
Was fachlich daran so bahnbrechend ist, kann ich nicht beurteilen. Ob es 'nur' die Tatsache ist, daß sie widerlegt hat, daß die Entwicklung des Stereosehens nur in einer sensiblen Phase in der Kindheit erlernt werden kann? Vielleicht ist noch mehr dran. Man sollte das Buch auch nicht auf den Begriff 'Visualtraining' reduzieren. Es ist komplizierter.
Viel Vergnügen beim Lesen!
SYNNIE-DO
Naja. Aehnliche Faelle wurden bei Haase auch schon beschrieben (z.B. Fixationsdisparation S. 151 ff) Eigentlich nix Neues.
Gut ist es, wenn die Leute bzgl Binokularsehen sensibilisiert werden.
Gruss Burkhard
Hallo Georg,
auch ich bin neugierig wie du als kompetenter Fachmann das Buch beurteilen willst. Patienten wie Susan Barry sind nicht ungewöhnliche Fälle, sie müssen aber oft, mindestens hier in Dänemark wegen wenige Behandlungsmöglichkeiten oder das Wissen dass es solsche überhaupt gibt, auf Binokularsehen verzichten. Es wäre mir sehr lieb venn wir uns hier, sobald du das Buch gelesen hast, ein Bisschen damit unterhalten, obwohl es mir schwer fällt auf Deutsch zu schreiben. Ich werde versuchen ein Bisschen öfter hereinzuschauen.
LG
Steen
Synnie-do hat recht, das Buch laesst sich keinesfalls auf ein Plaedoyer fuer Visualtraining reduzieren. Die Autorin hat durch ihre Therapie und ihre Recherchen von diversen weitere Strabismuspatienten erfahren, die ebenfalls erst als Erwachsene das Binokularsehen erlernt haben. Damit soll natuerlich nicht behauptet werden, dass jeder Schielpatient geheilt werden kann – nur eben, dass die hergebrachte Meinung, dass spaetestens ab der Pubertaet nichts mehr zu machen ist, offenbar nicht richtig ist.
Wenn das aber nun tatsaechlich sozusagen ein ’alter Hut’ ist (und bereits vor laengerer Zeit z.B. von Haase in der Fachpresse beschrieben wurde, wie Burkhard schreibt - siehe auch Georgs Beitrag), dann frage ich mich wirklich, warum ich nach meiner zweiten OP mit 14 Jahren von Professor X in Braunschweig als ‘austherapiert’ entlassen wurde (“Mit den DBs musst du dann wohl leben...”) und warum Professor Y, eine vermeintliche Koryphaee an der Uniklinik Goettingen, die ich mit letzter Hoffnung so um das Jahr 1990 herum aufsuchte, mich auch bloss mit einem bedauernden Schulterzucken wieder wegschickte. Keiner der mir bekannten Augenaerzte hat jemals das Wort Visualtraining auch nur erwaehnt.
Die offenbar mangelnde Kommunikation zwischen Optometristen und Augenaerzten ist dann auch ein Punkt, den die Autorin in ihrem Buch nachdruecklich beklagt. Ich wuerde mir wuenschen, dass das Buch ein wenig dazu beitraegt, diese Kommunikation und Zusammenarbeit zu verbessern. Ich denke, damit tute ich in dasselbe Horn wie Steen...
Gruss, Doris
Hallo Ihr,
meine Tochter ist seit Geburt manifester Schieler (eso), folglich hat sich kein Stereosehen ausgebildet. Sie wurde als Kleinkind schielbehandelt (okkludiert und bestmögliche Pluskorrektion bei Hyperopie) und übrig blieb ein Mikrostrabismus. Mit der Einschulung erhielt sie dezente 1,5 Prismen und trug diese stabil 6 Jahre lang. Stereosehen subnormal, der Schieler, bzw. die obendrauf sitzende Esophorie wurde richtigerweise nur motorisch korrigiert. Dann erfolgte sensorische Vollkorrektion (trotzdem nicht mehr Stereosehen erreicht), was darin resultierte, dass sie wieder manifester Schieler wurde. Im Oktober 2008 wurde sie operiert. Übrig blieb alternierendes Sehen mit Mikrostrabismus und nun kann sie sogar alternierend auf Schielen stellen (mit links und rechts!!!!). Aber alles in allem stehen die Augen gerade, und oh Wunder:
Gestern waren wir zur Nachmessung, weil sie hin und wieder über DB bei langem Lesen klagt und auch gerne wieder eine Brille mit etwas Plus möchte. Es hat sich bei ihr in diesem einen Jahr räumliches Sehen ausgebildet. Besser als es zuvor war, aber immer noch subnormal. Random Dot erkennt sie z. b. nichts. Kreuz und Zeigertest sind mittig, aber sie sieht entweder nur mit dem rechten oder dem linken Auge. Die wechseln sich ab. Diff. Stereotest ist auch ok, aber am STereovalenztest zeigt sich, dass sie Schieler ist. Egal, was man reinschiebt, das obere Dreieck wandert wieder nach außen.
Und dennoch: Duch die OP und dadurch fast optimale Augenstellung hat man ihr die Möglichkeit gegeben, entspannt zu sehen und neue Verschaltungen zu bilden, so dass zumindest das Stereosehen etwas besser geworden ist.
Mein Fazit: Das Gehirn ist und bleibt ein Rätsel, welchen Weg man beschreitet, ob Visualtraining oder Prismenbrille mit anschließender OP, muss man selbst entscheiden. Ich würde mich eher für die OP entscheiden, denn ein Training ist ein Training - wenn man es nicht mehr macht, kommen die Probleme wieder. Und bei echtem Schielen ist mit Visualtraining Vorsicht geboten, nach wie vor. Meine Meinung.
Und weiter meine Meinung: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans umso schwerer. Auch ich hatte im Oktober mit meiner Tochter die Schiel-OP und auch ich habe besseres räumliches Sehen, allerding nur, wenn ich meine Pluskorrektion trage (ohne Prismen!). Ich erkenne sogar am Random Dot drei Stufen und die Kugel links, aber das konnte ich auch schon, als ich 20 Prismen in der Brille hatte. Nun kann ich es halt ohne Prismen und darüber bin ich auch froh. Aber die vierte Stufe und die Stufen nach hinten erkenne ich nach wie vor nicht, und ich denke, einem alten Gaul kann man das auch nicht mehr beibringen. Und insofern lass ich mein Höhenmikroschielen auch einfach in Ruhe....man kann es auch übertreiben. Ich freu mich über 160 % Sehschärfe und ärgere mich, dass ich einfach sensibler reagiere als andere; 0,25 Änderung im Zylinder z. b. bewirkt bei mir Visusänderung um 0.4!!!!!
Liebe Grüße
Kerstin
Kerstin,
“...Und dennoch: Duch die OP und dadurch fast optimale Augenstellung hat man ihr die Möglichkeit gegeben, entspannt zu sehen und neue Verschaltungen zu bilden, so dass zumindest das Stereosehen etwas besser geworden ist.”
In diser Fall sicher, aber in andere Fälle führt dieselbe OP oft zu tiefere Suppression. Ich denke eben zuviel is den Zufall überlassen.
“...denn ein Training ist ein Training - wenn man es nicht mehr macht, kommen die Probleme wieder.”
Da muss ich korrigieren, VT ist ein Entwichlungsprogramm und kein Konditionstraining, es ist bei korrecter Ausführung nach Ende der Training und bei normaler gebrauch des Sehens ganz wartungsfrei. Nur weil einen Patienten einmal einen falchen entwiclungsverlauf durchgemacht hast muss mann darauf achten dass er beim falschen Verhalten nicht wieder in die Sargasse geriet. Deshalb regelmässige Kontrollen.
Ich hoffe das du, inbesonders weil du im Forum so aktiv bist, das Buch trotzdem lesen will. Ich will dir nicht überzeugen oder umwenden oder irgend sonst wass, Ich will nur eine offene objektive information über die Möglichkeiten die es heute gibt.
LG
Steen
Hallo STeen,
natürlich führt auch Training zu sensorischen Verschaltungen, ebenso wie prismatische Vollkorrektion oder eben auch eine OP. Nur ist halt jedes Schielen anders, jedes Gehirn anders und deshalb ist es immer ganz individuell zu betrachten. Und man kann nie voraussagen, wohin die Reise geht.
Ich werde mir das Buch besorgen, Englisch ist ja zum Glück berufsbedingt nicht das Problem 
LG
Kerstin
Um den Thread am Leben zu halten...
Ich bin eben neugierig ob mehrere Leute inzwischen das Buch angeschaffen hat. Es gibt im Forum viele Fragen über Schielprobleme, ich denke das manche Fragesteller von Diskussionen über den Inhalt profitieren konnte.
Hi Steen,
gib doch mal ein Thema dieses Buches vor.
Mit etwas Struktur bekommen wir vielleicht eine Diskussion hin.
Welche Korrektionsmoeglichkeiten kennt das Buch?
Fuer wen sind diese Methoden geeignet?
Was fuer Dich interessant sein sollte in diesem Forum. Die meisten Optometristen hier haben eine Ausbildung nach MKH.
Wenn dich das interessiert, dann schau bitte auf www.ivbv.org
Dort findest du die Seite auch in Englisch.
Probies
Gruss Burkhard
Liebes Forum,
da noch viel Unklarheit über das Buch zu bestehen scheint, von mir einige hoffentlich klärende Anmerkungen.
Die Fachleute werden vermutlich enttäuscht sein, das Buch wurde nicht für sie geschrieben. Zielgruppe ist der Laie. Barry erklärt allgemeinverständlich, wie der menschliche Sehsinn funktioniert und erläutert welche Probleme beim fehlerhaften Zusammenspiel der beiden Augen entstehen können. Der rote Faden entsteht durch die Erfahrungen der Autorin (manifestes Schielen, eso, mit Nystagmus). Ergänzungen erfolgen durch Beispiele anderer Personen, u.a. einem vermeintlich hyperaktiver Junge mit latentem Schielen. Barry selber konnte mit der Hilfe eines Optometristen, der ihr zunächst eine Prismenbrille anpasste und dann ein Visualtraining durchführte, das 3D-Sehen erlernen.
Ich empfehle dieses Buch allen Betroffenen, vor allem aber allen Eltern und Lehrern, die sich schwer damit tun, zu verstehen, warum Kinder mit Sehproblemen anders sind. Das Buch wird ihnen die Augen für die Probleme der Kinder öffnen.
Vor dem Englisch sollte man nicht zurückschrecken, es ist einfach und verständlich. Amazon ermöglicht durch „Blick ins Buch“ eine Leseprobe. Ich habe die Autorin angeschrieben. Ihr Agent verhandelt derzeit die Übersetzungsrechte. Feststeht bisher nur Italienisch. Die Autorin hofft auch auf eine Deutsche Übersetzung.
Was das Buch nicht ist, ist ein Plädoyer für oder gegen eine Behandlungsmethode. Vor allem auf den Grabenkampf zwischen MKH und Visualtraining gibt das Buch keine Antwort. Es scheint mir, als gäbe es diesen in den USA nicht. Die Behandlung der Autorin umfasste beides: Prismenbrille und Visualtraining. Einen unüberwindlichen Graben hat es dabei nicht gegeben, beides scheint in den USA selbstverständlich in Kombination genutzt zu werden. (Über die Messmethode zur Anpassung der Prismenbrille, erfährt der Leser allerdings nichts.)
Vergleichbar zwischen den USA und Deutschland scheint die mangelnde Zusammenarbeit zwischen Augenärzten und Optometristen zu sein, bzw. die Fähigkeit von Augenärzten einen alternative Behandlungsmethode vollständig zu ignorieren. Diesen Umstand beklagt die Autorin bitterlich. Kritisch äußert sie sich auch zu Augenmuskel-Ops mit einem rein ästhetischen Ziel. Das sind aber nur Randbemerkungen, nicht das Thema des Buches.
Ich wünsche dem Buch viele Leser und hoffe, falsche Erwartungen ausgeräumt zu haben.
Gute Lektüre!
G.
P.S. Für die fachliche Diskussion: Mich würde interessieren, wie die reine MKH im Fall von Barry vorgegangen wäre und welches Ergebniss sie (mutmaßlich) erreicht hätte. Ist vielleicht ein bisschen hypothetisch und nur mit den Angaben im Buch auch schwierig, würde aber vielleicht den interdisziplinären Austausch der Fachleute fördern. (Den ich mir als Betroffene dringend wünsche!)
Hi Granosana,
stand dort tatsaechlich Manifestes Schielen?
Esotropie mit Nystagmus?
Gern wuerde ich in die Schule des Optometristen gehen, der dann ein Binokularsehen zustande bekommt.
Vllt wird in den USA Manifestes Schielen anders definiert?
MKH ist fuer Winkelfehlsichtigkeiten ausgelegt. M.S. laesst sich damit meines Wissens nicht korrigieren.
Gruss Burkhard
Hallo,
Hier ein paar kleine Ergaenzungen zum dem, was granosana und Andere schon zum Inhalt geschrieben haben. Bei der Autorin wurde im Alter von zwei Jahren eine nicht-paralytische, alternierende Esotropie (“constant alternating esotropia”) diagnostiziert. Nachdem eine Brille keine Verbesserung brachte, wurde sie operiert, erstmalig im Alter von 28 Monaten. Ein Jahr spaeter folgte eine weitere Operation. In den Jahren danach entwickelte sich zusaetzlich ein vertikales Schielen, daher im Alter von sieben Jahren eine dritte Operation. Obwohl das Gesamtergebnis der drei OPs vom kosmetischen Standpunkt her recht gut war, wurde das alternierende Sehen dadurch nicht behoben. Die Aerzte erklaerten auch der Autorin nicht, dass sie nach wie vor ‘stereoblind’ war. Recht gravierende Schulprobleme waren zunaechst die Folge, sowie spaeter Probleme beim Autofahren, bei der Orientierung usw., die vielen Forumslesern bekannt sein duerften.
Die Autorin meint, dass ihr zumindest die letzte Operation erspart geblieben waere, wenn sie fruehzeitig - also nach den ersten beiden OPs - entsprechendes Visualtraining bekommen haette.
Eines der ersten Ziele ihrer Visualtrainerin ist es, den Nystagmus das Schielauges zu reduzieren, also im wahrsten Sinne des Wortes den Blick zu 'fixieren' - siehe Buchtitel. Genauer gesagt ist der Titel ein Wortspiel, da 'to fix' natuerlich auch 'reparieren', 'heile machen' bedeutet.
Vielleicht traegt dies ja ein wenig zur Klaerung bei…
Liebe Gruesse,
doris
Erstmal vielen Dank für deinen hilfreichen Comment;)
Kritisch äußert sie sich auch zu Augenmuskel-Ops mit einem rein ästhetischen Ziel.
Hier hätt ich noch eine Frage:
Klar weiß ich, wieso sie das wohl kritisch beleuchtet hat (es wird ja hier in keinster Weise etwas gegen die Ursache, sprich funktionstechnisch getan, sondern Augenmuskel-OPs dienen in der Tat "nur" der kosmetischen Rehabilitierung).
Jedoch möchte ich hier anmerken, dass die Augen in den meisten Kulturkreisen nicht nur als ein "Funktionsorgan" angesehn werden, sondern vielmehr eines der wichtigsten Kommunikatonsmitteln darstellen.
Daher finde ich die chirurgische Maßnhame von Augenmuskel-OPs für Betroffene im Hinblick auf psychologische und soziale Aspekte def. sehr wertvoll.
Lg,
Brewst;)
Steht in dem Buch auch, ob sie nun nicht mehr alternierend sieht? Würde mich interessieren und dann würde ich immer noch sagen: Papier ist geduldig....
und was ich auch interessant finde ist, dass das reine Höhenschielen operiert wurde. Das ist nämlich erstens nicht einfach und zweitens muss das ein Mega großer Wert gewesen sein. Und Höhenschieler kommen nicht plötzlich mit 8 Grad daher.....es sei denn, bei einer der vorherigen Horizontal-OP's wurde der Muskel schräg versetzt angenäht und man hat dadurch Höhe gezaubert, ohne es zu wollen.....
Wer frühkindliches Schielen hat und dann im Laufe des Lebens auf alternierendes Sehen umschaltet (auch Mikroschieler machen das) - das kann man mit Nichts beheben. Und das alternierende Sehen hat auch sein Gutes: Vermeidung von DB-Problematiken.
Also ich bin heilfroh, dass ich meinen Alternans habe! So stört mich mein Mikroschieler nicht
Und auch meine Tochter hat nach gelungener Schiel-OP sogar besseres Stereosehen entwickelt, aber auch sie alterniert nach wie vor! Was ist daran so schlimm? Ist halt blöd bei einer MKH-Messung, wenn man das Kreuz nie als Ganzes sieht und dann noch angeben soll, ob die Balken mittig stehen....grins..
LG
Kerstin
Und auch meine Tochter hat nach gelungener Schiel-OP sogar besseres Stereosehen entwickelt
LG
Kerstin
Zum Stereosehen:
Ist hiermit nicht einfach gemeint, dass man mit beiden Augen (also binokular) sieht und sich die beiden Seheindrück der jeweiligen Augen zu einem gesamten Seheindruck verschmelzen (Fusion) - also praktisch ein normales gesundes Sehen?
Oder was meinst du damit, dass sich bei deiner Tochter das Stereosehen verbessert hat?
Gruß,
Brest;)
Hallo,
Ich habe nochmal ein bisschen in dem Buch nachgeblaettert… Barry schreibt, dass ihr Hoehenschielen sich graduell ueber mehrere Jahre entwickelt hat, nach ihren ersten beiden OPs.
Als Erwachsene macht ihr zunaechst nicht das mangelnde Stereosehen zu schaffen - und Doppelbilder nimmt sie ja gar nicht wahr - sondern eine zunehmende Blickunruhe, besonders in der Distanz. Z.B. kann sie waehrend des Autofahrens Schilder nicht gut erkennen, als Dozentin bemerkt sie die Wortmeldungen der weiter hinten sitzenden Studenten nicht, usw. Ein Ophthalmologe, den sie deswegen aufsucht, sagt ihr, dass ihre Sehschaerfe OK ist und sie sich ihre Sehprobleme bloss einbildet.
Die Optometristin, die sie etwas spaeter aufsucht, fuehrt bei Barry erstmalig eine Reihe von Binokular- bzw. Stereotests durch. Sie erklaert Barry dann, dass wegen der zwei verschiedenen Bilder, die sie von ihren Augen abwechselnd empfaengt, ihr Gehirn verwirrt ist darueber, wo genau im Raum sie sich gerade befindet. Fuer Barry scheint sich die Welt manchmal z.B. merkwuerdig auf und ab zu bewegen. Ihre Augen stehen trotz der OPs noch immer nicht ganz gerade, weder horizontal noch vertikal. Die Optometristin verschreibt Barry zuerst mal eine Brille mit Prismen, welche das vertikale Schielen korrigieren sollen.
Dann beginnt Barry mit einem Visualtrainingsprogramm.
Als erstes verschwindet, durch Uebungen zur Verbesserung der Augenmuskelkontrolle, ihre Blickunruhe, was zu einem generell entspannteren Sehen fuehrt. Sie kann jetzt z.B. beim Zuschauen bei einem Baseballspiel den Flug des Balles verfolgen. Andere Uebungen verbessern ihre periphere Wahrnehmung, wieder andere helfen ihr, mit beiden Augen gleichzeitig zu sehen (statt zu alternieren). Da sie ausserdem trainiert, beide Augen auf denselben Punkt im Raum zu richten, schafft sie es irgendwann, die beiden Bilder zur Fusion zu bringen. Ihre zwischenzeitliche Befuerchtung, stoerende Doppelbilder zu bekommen, erweist sich im Nachhinein als unbegruendet. Die Prismenstaerke ihrer Brille wird nach und nach reduziert, zum Schluss braucht sie gar kein Prisma mehr. Nicht zuletzt ist das Visualtraining fuer sie auch kosmetisch von Nutzen, da sie ihre Augen jetzt besser gerade halten kann und ihr Schielauge nur noch selten (z.B. bei grosser Muedigkeit) nach innen rutscht.
Dies alles sind lediglich weitere Ergaenzungen zum Inhalt – ich habe weder mit MKH, Prismen oder professionellem Visualtraining irgendwelche Erfahrung und bin daher unparteiisch, was in der (deutschen?) Fachwelt offenbar existierende Grabenkaempfe betrifft...
Liebe Gruesse,
doris
PS: Kerstin schreibt "Papier ist geduldig". Sicher, aber hier scheint es mir keinen Grund zu geben, am Wahrheitsgehalt zu zweifeln. Die Autorin ist etablierte Wissenschaftlerin und schreibt unter eigenem Namen. Ihre berufliche Karriere waere im Eimer, wenn sich ihr Bericht als Luegengebilde herausstellen sollte, ganz zu schweigen von ihrem persoenlichen Ruf und dem verschiedener ebenfalls namentlich genannter Beteiligter. Das Buch ist in einem renommierten Verlag erschienen, bei dem man davon ausgehen kann, dass das Manuskript voher von mehreren fachkundigen Gutachtern kritisch gelesen und beurteilt wurde. Es wuerde mich nicht wundern, wenn diese verlangt haetten, Beweise zu sehen in Form von Krankenakten etc. Dann werden ja auch noch diverse andere Faelle erwaehnt, denen VT zu Stereosehen verholfen hat, und die im Prinzip nachpruefbar sind. Zudem kann man die beinahe kindliche Freude der Autorin ueber ihr neuerlerntes 3D Sehen das ganze Buch hindurch spueren.
doris
Doris Anmerkungen möchte ich noch hinzufügen, dass eines der Hauptthemen des Buches die Frage ist, wie formbar das Gehirn eines Erwachsenen ist. Dir Autorin räumt ihre eigenen Zweifel in diesem Punkt freimütig ein. Als Professorin für Neurobiologie war sie der Meinung, dass der Sinnspruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ vollständig richtig ist und hat entsprechendes ihre Studenten gelehrt. Im Lauf ihres Lebens ist sie aber ganz allmählich zu der Erkenntnis gelangt, dass das Erwachsene Gehirn doch noch in der Lage ist neues zu erlernen. Ein Beispiel ist ihr Ehemann, ein NASA-Astronaut, bei dem sie beobachten konnte, dass er sein Gehirn während seines ersten Aufenthalts im All sehr schnell lernte, die ganz anderen Informationen zur Raumorientierung und Bewegung in der Schwerelosigkeit richtig zu verarbeiten. Dies äußerte sich durch erheblichen Orientierungsschwierigkeiten in den ersten Tagen nach der Rückkehr zur Erde. Besonders bemerkenswert war, dass ihr Mann nach dem zweiten Aufenthalt im All keine Anpassungsschwierigkeiten mehr hatte. Barry schloss daraus, dass das Gehirn eines Erwachsenen in der Lage ist sich innerhalb kurzer Zeit den vollkommen unbekannten Modus Schwerelosigkeit anzueignen und bei Wiederholung auch noch lernt, problemlos zwischen den Modi Erde und All hin und her zu schalten. Barrys Schlussfolgerung aus diesem Fall war, dass Gehirn eines Erwachsenen Menschen ist formbarer als bisher von der Wissenschaft angenommen. Sie hat daraus nicht geschlossen, dass es für sie evtl. möglich wäre das 3D-Sehen noch zu erlernen. Visualtraining hat sie lediglich mit dem Ziel begonnen ihren unruhigen Blick zu stabilisieren. Das 3D-Sehen war für sie selbst ein überraschender Zusatzerfolg des Trainings. Sie warnt im Buch aber deutlich davor sich als alternierender Schieler das 3D-Sehen im Selbststudium beizubringen. Unkontrolliertes Training könne zu unangenehmen Doppelbildern führen. Ein Training dürfe daher ausschließlich unter Aufsicht eines erfahrenen Therapeuten gemachten werden.
Wie Doris habe ich keinen Zweifel am Wahrheitsgehalt des Buches. Skeptisch bin ich aber bei der Frage, ob es hier in D so erfahrene Visualtherapeuten gibt, wie Barrys Trainerin. Ich wünschte mir es wäre so und vor allem wünsche ich, dass die Betroffene von ihren Optikern und Augenärzten auf diese Möglichkeit hingewiesen würden. Aber leider sind viele der Fachleute in D so mit ihrem Grabenkampf beschäftigt, dass das Wohl der Betroffenen in den Hintergrund gerät. Schade. Und ein umso größerer Dank an die wenigen, die sich um Verständigung über die Gräben hinweg bemühen!